D – Im Denglisch-Dschungel

denglisch-saleVor einigen Tagen machte ich einen Einkaufsbummel durch Münchens Innenstadt. Ich war Shoppen in der City. Nein, klingt nicht besser, vielleicht nur angesagter. Denglisch – der Mischmasch aus Deutsch und Englisch – ist grauenhaft. Beim Schlendern entlang der Schaufenster zuckte ich immer wieder zusammen: „Wo bin ich?“ Ich fühlte mich fremd in meiner Stadt.

Der Einzelhandel kann wohl nicht ohne. Überall ist „SALE“. Groß, rot, erschlagend. Ist denn niemandem etwas besseres eingefallen nachdem der Sommer- und Winterschlussverkauf mit seinen Kürzeln „SSV“ und „WSV“ abgeschafft wurde? „SALE“. Doch auch Werbeslogans und Verkaufsaktionen gibt’s meist nur auf (D)Englisch: C&A zum Beispiel hatte gerade einen „Colour Flash“ und H&M im Internet einen „Online Final Sale“. Filialen heißen „Stores“ oder, wenn es ein besonderer Laden einer Filialkette ist, „Flagship-Store“. Doch der Höhepunkt kommt beim Betreten der Geschäfte:

Wegweiser leiten den Kunden zu Fashion for Women, Men, Kids, Bodywear im Basement, Ground oder First Floor. Etwas Besonderes fand ich neben der Ladentür des Mango (im Bild).

denglisch-wegweiserWas ist denn nur los? Haben Werbeleute keine Einfälle mehr oder keinen Mut, es anders als die Anderen zu machen? Ist die Globalisierung schuld? Sollte sich in einer Weltstadt wie München nicht jeder zurechtfinden können, nicht nur der englisch-radebrechende Tourist? Zum Glück gibt es einige Lichtblicke im Denglisch-Dschungel: Münchner Einzelhändler und Stand’ln-Betreiber, die der deutschen und bayerischen Sprache treu bleiben – und trotzdem oder gerade deswegen gut im Geschäft bleiben.

Im Denglisch-Dschungel haben sich auch andere Branchen verirrt: Die Baubranche baut City-Quartiere, Tower und andere Highlights. Die Finanzbranche preist ihr Online-Banking an, damit der Kunde seinen Kontostand „checken“, seine Finanzen selbst „managen“ kann“. Prüfen oder organisieren ist „out“. Es gibt Mobile Banking, Private Banking, Customer Banking, Cash Management, Prepaid Kreditkarte. Überraschend: Die Geldkarte heißt noch Geldkarte.

49 Prozent der Befragten einer infratest-Umfage im Auftrag der Zeitschrift „Auf einen Blick“ gaben kürzlich an, es störe sie, dass heute viel öfter englische Wörter in der deutschen Alltagssprache verwendet werden als früher. 50 Prozent störte es allerdings nicht.

Stören oder nicht, ist jedoch das falsche Kriterium. Wichtiger ist die Frage, wie verständlich ist unsere Sprache? Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hatten 2011 nach eigenen Angaben rund 39,4 Millionen Personen in Deutschland nicht sehr gute bis gar keine Englischkenntisse. Knapp 61 Prozent!

Wir brauchen keine Shops, Lounges, Events, Locations. Statt chillen, sharen, mailen können wir viel besser entspannen, teilen, schreiben. Das Bike heißt Fahrrad, News heißen Nachrichten, Shoppen heißt, einen Einkaufsbummel machen. Wir brauchen kein „Germany’s next Topmodel“, kein „Voice of Germany“, kein „Let’s Dance“, keine Daily Soaps.

„Die deutsche Sprache lässt präzise Beschreibungen zu, sie macht komplexe Zusammenhänge greifbar. Zugleich versetzt sie uns in die Lage, Erlebnisse und Eindrücke ausnehmend lebhaft zu schildern und damit nachvollziehbar zu machen“, erklärt Clemens Wolf, Chefredakteur des Magazins „Perfetto“ für die Karstadt-Feinkostläden in den „Sprachnachrichten“ des Vereins Deutsche Sprache. Auf Anglizismen und Denglisch verzichtet das Kundenmagazin. „Warum sollten wir uns also dieser wunderbaren Vielseitigkeit berauben?“

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